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Manuskript: Heinz Werner Wessler
Redaktion: www.hindu.dk

Der Weg zum Heil: Pilgerfahrten im Hinduismus

Pilgerreisen bieten gläubigen Hindus die oftmals einzigartige Chance, aus der vertrauten Umgebung herauszukommen. Eine Tour zu den großen Tempeln oder zu den Quellen der heiligen Flüsse war und ist immer noch eine der größten Ereignisse im Leben vieler einfacher Hindus, die nie auf den Gedanken kämen, bloß zum Vergnügen und als Tourist herumzureisen. Oft sind es die gleichen Ziele, die auch schon die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern aufgesucht haben. Viele Pilgerführer setzen ihrerseits die Dienstleistungen ihrer Vorväter fort und führen Register der Familien, die sie über die Generationen hinweg besuchen. Auch heute noch gibt es einfache Gläubige, die geloben, Hunderte oder Tausende von Kilometern zu Fuß zu ihrem Heiligtum zu wallfahren. Doch selbst die herumziehenden Wandermönche, die ihr weltliches Leben und ihre Familien verlassen haben, benutzen meistens die oft überfüllten, aber billigen öffentlichen Transportmittel. So kann die Reise zu einem unvergesslichen Gemeinschaftserlebnis werden. Manchmal sind es tage- und wochenlange Fahrten quer über den indischen Subkontinent und ungeheure Strapazen, die die Menschen auf sich nehmen, um zu dem Gütterbildnis oder heiligen Ort ihrer Wahl zu gelangen.

Die echte Andacht, mit der Pilger schließlich das Ziel der Pilgerfahrt betreten, ist oft überwältigend. Wenn die Götterbildnisse dann den Gläubigen liturgisch vorgeführt werden, spielen sich ergreifende Szenen ab: Menschen werfen sich schluchzend nieder, gediegene Frauen und Männer beginnen spontan zu tanzen und zu singen, andere versinken in ihrer Ergriffenheit in Meditation oder Trance. Selbst der Ärger über die allgegenwärtigen geldgierigen Tempelpriester und Pilgerführer, Trubel, Schmutz und alle sonstigen Plagen sind dann vergessen. Für die gläubigen Krishna-Anhänger sind Puri im ostindischen Gliedstaat Orissa und Brindavan, nicht weit weg von Agra, die beiden wichtigsten Ziele ihrer Pilgerfahrten. In Puri steht der große Tempel des Jagannath aus dem zwölften Jahrhundert. In seinem „Schoß-Haus", im Allerheiligsten der riesigen Anlage, befindet sich die bunt bemalte hölzerne Figurengruppe des „Herrn der Welt" (= Jagannath) und seiner beiden Begleiter. Die meisten heiligen Bildnisse, die im Zentrum des Tempelkults stehen, sind aber aus Stein oder aus Metall gefertigt. Die Tempel rühmen sich nicht so sehr ihrer Architektur oder ihrer ornamentalen Ausschmückung, sondern ihrer Götterbildnisse im Allerheiligsten. Brindavan, der Ort an dem Krishna im Glauben der gläubigen Hindus seine Kindheit und Jugend verbrachte, kann mit einem umfassenden Netzwerk von Tempeln aufwarten. Jede von ihnen hat seine besondere Gründungslegende - hier versteckte Krishna die Kleider der Hirtenmädchen, dort besiegte er die Hexe Putana und an der nächsten Stelle stahl er Butter aus dem Topf seiner Ziehmutter.

Andere Pilgerfahrten führen an die großen heiligen Flüsse, an denen sich die Menschen durch rituelles Baden innerlich und äußerlich reinigen. Der Heiligste aller Flüsse ist die Ganga. Es gibt wohl kaum einen gläubigen Hindu, der nicht davon träumt, einmal nach Varanasi (Benares) zu pilgern und dort bei Sonnenaufgang im Gangeswasser unterzutauchen. Nicht wenige ziehen im hohen Alter in die heilige Stadt, um sich hier zum Sterben niederzulassen und dadurch eine günstigere Wiedergeburt zu erlangen. An den großen Festen drängen sich unglaubliche Menschenmassen an den wichtigen Badeplätzen, doch der Rummel, das schmutzige Wasser und die Nähe der Leichenverbrennungsplätze mitten am stadtseitigen Ufer vermögen die Badenden anscheinend nicht ernsthaft zu irritieren. Wer wirklich reines Wasser will, muss an den Oberlauf und in das Quellgebiet der Ganga im Himalaya wallfahren - oder ans Meer, zum Beispiel nach Cap Comorin im südlichen Zipfel des indischen Subkontinents.

 

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